Stockholm, 7. Dezember 2024 – In der prächtigen Aula der Stockholmer Akademie der Wissenschaften trat die südkoreanische Autorin Han Kang auf die Bühne, um ihre Nobelvorlesung zu halten. Mit ruhiger Stimme und tiefer Intensität entfaltete sie unter dem Titel „Die fernen Spuren eines Liedes“ (im Original: "The Distant Traces of a Song") eine poetische Meditation über Gewalt, Sprache, Heilung und die zerbrechliche Essenz des Menschseins. Dieser Moment war nicht nur der Höhepunkt der Nobelwoche 2024, sondern ein kulturelles Ereignis, das die Literaturwelt weltweit in seinen Bann zog.
Han Kang, die am 10. Oktober 2024 als erste Südkoreanerin den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde für ihr intensives poetisches Prosagedicht geehrt, das die historischen Traumata ihrer Heimat und die Grenzen des menschlichen Lebens auslotet. Ihre Vorlesung, die live gestreamt und später als Video und Text veröffentlicht wurde, dauerte knapp 30 Minuten und war ein Meisterwerk der literarischen Reflexion. Sie begann mit der Beschreibung eines Seidenwurms, der sich in seinem Kokon verpuppt – ein Symbol für Transformation, Isolation und Neugeburt, das durch ihre gesamte Rede hindurchhallte.
Die Wurzeln der Gewalt und die Macht der Worte
Han Kang tauchte tief in die Themen ihrer Bücher ein, darunter „Vegetarisch“ (The Vegetarian), das 2016 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet wurde, und „Menschliches Maß“ (Human Acts), das die Gwangju-Massaker von 1980 thematisiert. „Gewalt ist nicht nur physisch, sie ist auch sprachlich“, sagte sie. Sie sprach von der Unfähigkeit der Worte, das Unaussprechliche zu fassen, und doch von ihrer heilenden Kraft. Ein zentrales Motiv war der Pflaumenbaum aus ihrem Roman „Grüß mir die Nacht“ (Greekless), dessen Blüten im Schnee zerbrechlich und doch widerstandsfähig sind.
Die Autorin, geboren 1970 in Gwangju, erzählte von ihrer Kindheit, geprägt von der Diktatur und den Aufständen. „Als Kind hörte ich die Schreie der Verletzten, die in den Bergen widerhallten“, erinnerte sie sich. Diese Erfahrungen flossen in ihre Schreibweise ein: fragmentarisch, sensorisch, fast körperlich. In der Vorlesung rezitierte sie Passagen aus ihren Werken, ließ das Publikum die rohe Emotion spüren. Die Zuhörer – darunter Nobelpreisträger, Diplomaten und Literaturliebhaber – saßen gebannt da, während sie von der „fernen Spur eines Liedes“ sprach, das in der Stille nach der Gewalt erklingt.
Koreanische Literatur auf dem Weltpodium
Han Kangs Triumph markiert einen Meilenstein für die koreanische Literatur. Nach dem Nobelpreis für den Japaner Kawabata Yasunari 1968 und Kenzaburō Ōe 1994 ist sie die erste Ostasiatin seit Langem, die diese Ehre erhält. Ihre Werke, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden, haben die westliche Leserschaft mit der Intensität koreanischer Moderne vertraut gemacht. In Deutschland, wo „Vegetarisch“ ein Bestseller wurde, feierten Verlage wie DuMont und Luchterhand den Preis als Türöffner für weitere Übersetzungen.
Die Vorlesung unterstrich auch die globale Relevanz: In Zeiten von Konflikten und Krisen – sei es in Nahost, der Ukraine oder Asien – erinnert Han Kang daran, dass Literatur Brücken baut. „Die Literatur ist ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen“, betonte sie. Kritiker wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobten die Vorlesung als „hypnotisch und profund“, während die Süddeutsche Zeitung sie mit der Poesie von Paul Celan verglich.
Reaktionen und kulturelle Echo
Sofort nach der Vorlesung überschwemmten Social Media und Literaturblogs mit Zitaten und Analysen. In Seoul versammelten sich Fans vor Buchläden, und in Europa organisierten Universitäten Lesungen. Der Streaming-Dienst der Nobel-Stiftung verzeichnete Millionen Aufrufe innerhalb von Stunden. Han Kang selbst blieb bescheiden: In Interviews nach dem Banquet am 10. Dezember sprach sie von ihrer Dankbarkeit und der Verantwortung, die der Preis mit sich bringt.
In Deutschland, wo der Literaturnobelpreis immer kontrovers diskutiert wird – denken wir an Peter Handke 2019 –, wurde Han Kangs Auszeichnung als Erfrischung gefeiert. Autoren wie Jenny Erpenbeck und Daniel Kehlmann gratulierten öffentlich. Die Leipziger Buchmesse plant bereits eine Sonderausstellung zu ihrem Werk für 2025.
Bedeutung für die zeitgenössische Kultur
Han Kangs Vorlesung ist mehr als ein formeller Akt; sie ist ein Manifest für eine Literatur, die den Körper, die Natur und das Unsichtbare ehrt. In einer digitalen Ära, dominiert von Algorithmen und Kurzinhalten, erinnert sie an die Tiefe des Lesens. Ihre Worte über den Seidenwurm – „Er spinnt sein Lied in Seide, unsichtbar und doch ewig“ – laden ein, innezuhalten und zuzuhören.
Während die Nobelwoche mit dem Friedenspreis für Nihon Hidankyo endete, bleibt Han Kangs Beitrag ein Leuchtfeuer. Sie fordert uns auf, die Spuren des Leids in uns zu erkennen und durch Worte zu heilen. Für die Kulturszene ist dies ein Moment des Aufbruchs: Koreanische Literatur erobert die Welt, und Han Kang führt voran.
Die vollständige Vorlesung ist auf nobelprize.org abrufbar – ein Muss für jeden Literaturfreund. In Zeiten vor Weihnachten, wenn Bücher unter dem Tannenbaum landen, ist „Die fernen Spuren eines Liedes“ die perfekte Lektüre.
Von unserem Korrespondenten in Stockholm
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