Die britische Literaturwelt fiebert: Am 15. Januar 2024 wurde die Shortlist des prestigeträchtigen Rathbones Folio Prize bekanntgegeben. Dieser Preis, der seit 2014 die besten Werke des Jahres in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Poesie ehrt, gilt als eine der anspruchsvollsten Auszeichnungen im englischsprachigen Raum. Mit einem Preisgeld von 30.000 Pfund für den Gewinner und zusätzlichen 5.000 Pfund pro Kategorie setzt er Maßstäbe für literarische Qualität. Besonders aufregend für das deutschsprachige Publikum: Jenny Erpenbecks Roman Kairos ist als einziges übersetztes Werk nominiert.
Der Hintergrund des Preises
Der Rathbones Folio Prize, gestiftet von der Folio Society und Rathbone Investment Management, zeichnet sich durch seine Unabhängigkeit aus. Eine Jury aus Kritikern, Autoren und Verlagsfachleuten wählt aus Hunderten Einsendungen die besten Bücher aus. Im Gegensatz zum Booker Prize, der nur Romane zulässt, ist der Folio Prize offen für alle Genres. 2024 bewertete die Jury unter Leitung von Mary Ann Sieghart über 1.000 Titel. Die Shortlist spiegelt die Vielfalt der zeitgenössischen Literatur wider: Von intimen Familiengeschichten über dystopische Sci-Fi bis hin zu investigativen Reportagen.
Die nominierten Werke im Überblick
Brotherless Night von V. V. Ganeshananthan
Dieser epische Roman erzählt die Geschichte einer tamilischen Familie im Bürgerkrieg Sri Lankas. Die Protagonistin Sashi wird Ärztin und gerät in den Strudel der Gewalt. Die Jury lobt die "atemberaubende Erzählkraft und emotionale Tiefe". Ganeshananthan, Tochter tamilischer Einwanderer, webt Autobiografisches in ihre fiktive Saga ein – ein Meilenstein der Migrationsliteratur.
Western Lane von Chetna Maroo
Ein Debütroman über eine indo-kenianische Familie in den 1960er Jahren in Großbritannien. Die elfjährige Gopi entdeckt Squash als Ventil für familiäre Konflikte. Maroos Sprache ist präzise und poetisch, die Jury hebt die "feine Beobachtung von Trauer und Zugehörigkeit" hervor. Ein Buch über Generationenkonflikte und kulturelle Hybridität.
Kairos von Jenny Erpenbeck (Übers. Michael Hofmann)
Das Highlight für deutsche Leser: Erpenbecks Roman über eine leidenschaftliche, aber toxische Liebe zwischen einer Studentin und einem verheirateten DDR-Intellektuellen. Vom Mauerfall bis zur Wende 1989 wird die private Geschichte zum Spiegel der deutschen Teilung. Die Jury preist die "radikale Präzision und historische Schärfe". Erpenbecks Werk, das 2021 auf Deutsch erschien, wurde ins Englische brillant übersetzt und festigt ihren internationalen Ruf nach Gehen, ging, gegangen.
Orbital von Samantha Harvey
Ein Kurzroman, der 24 Stunden auf der Internationalen Raumstation beschreibt. Sechs Astronauten schweben über der Erde und reflektieren über Zeit, Tod und Menschlichkeit. Harveys Sprache ist hypnotisch, fast meditativ. Die Jury nennt es "einen philosophischen Höhepunkt der Shortlist" – ideal für Fans von Science-Fiction mit Tiefgang.
This Strange Eventful History von Claire Messud
Ein Familienepos über drei Generationen französischer Exilanten vom Ersten Weltkrieg bis heute. Messud verwebt Geschichte, Identität und Verrat zu einem Tableau der Moderne. Ihr Stil erinnert an Proust, die Jury feiert die "ambitionierte Erzählspanne".
Bottoms Up and the Devil Laughs von Kerry Howley
Ein Sachbuch über Whistleblower wie Reality Winner und die Ära der Massenüberwachung unter Trump. Howley, selbst Journalistin, mischt Essayistik mit Reportage. Die Jury betont die "akute Relevanz für unsere surveillance-gesellschaft".
Warum diese Shortlist fasziniert
Die Auswahl zeigt Trends der Gegenwartsliteratur: Viele Werke thematisieren Migration (Brotherless Night, Western Lane), historische Umbrüche (Kairos, This Strange Eventful History) und existentielle Fragen (Orbital). Besonders Erpenbecks Kairos verbindet das Private mit dem Politischen – ein Markenzeichen der deutschen Literatur seit Fontane. Die Nominierung unterstreicht den Boom deutscher Autoren im Ausland: Nach Olga Tokarczuk und Jenny Erpenbeck erobert die europäische Erzählkunst die britischen Preise.
Die Jury lobte die "Vielfalt und Qualität", die den Preis als "Anti-Booker" positioniert. Während der Booker oft kontrovers ist, steht der Folio Prize für puren Literaturnobel. Der Gewinner wird am 13. Februar 2024 in London gekürt – ein Datum, das Literaturfreunde markieren sollten.
Ausblick und Bedeutung für die Leser
Für deutsche Leser ist Kairos ein Muss: Erpenbecks Prosa fängt die Enge der DDR und die Euphorie der Wende ein. Wer die Shortlist liest, taucht in eine Welt der Nuancen ein – fernab von Bestsellern wie Fantasy-Serien. Der Rathbones Folio Prize erinnert uns: Gute Literatur heilt, provoziert und verbindet.
Empfehlung: Starten Sie mit Orbital für seine Kürze oder Kairos für Tiefe. Diese Bücher sind nicht nur Kandidaten, sondern Zeugnisse unserer Zeit. Bleiben Sie dran – Zeilengeflüster berichtet über die Verleihung!
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